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Newsletter

18.06.2025
 

Liebe China-Interessierte,

willkommen zum China Infrastruktur Newsletter Nr. 3, kurz vor der Sommerpause. Geopolitik und Klima stehen im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Vor allem das Spannungsfeld zwischen Vorreitern und Nachzüglern interessiert uns: Als weltweiter Vorreiter will sich China beim Ausbau erneuerbarer Energien profilieren, gleichzeitig sehen wir einen kräftigen Zuwachs von Kohle- und Atomkraft.

Dieser Newsletter fällt etwas kürzer aus, da wir zur Jahrestagung der AIIB nach Beijing reisen. Die Bank feiert ihr zehnjähriges Bestehen im Land ihrer Gründung. Dafür haben wir ein recht umfangreiches Briefing „10 Jahre AIIB“ geschrieben, welches vor allem für die neue Bundesregierung bestimmt ist und die Rolle Deutschlands thematisiert.

Viel Spaß dabei.
Eure

               

Nora und Anna, mit Praktikantin Celina

Im nächsten Newsletter würden wir gerne Testimonies aufnehmen. "Für mich ist der China Newsltter von urgewald.....". Wir freuen uns über Zusendungen an Anna.
Geopolitik

Strategische Charmeoffensive: Wie China Lateinamerika als Partnerregion neu definiert

Inmitten globaler Spannungen differenziert Beijing zunehmend zwischen Rivalen, Wettbewerbern und Partnerstaaten (wir berichteten). Während China in Genf mit den USA über Zölle rang und in Moskau seine Nähe zu Russland inszenierte, wurden Staaten wie Brasilien, Chile oder Kolumbien als verlässliche Partner umworben. Mit Milliardenkrediten, grüner Technologie und dem Versprechen multilateraler Zusammenarbeit baut China seine Beziehungen zu Lateinamerika systematisch aus. Beim China-CELAC-Forum am 13. Mai in Beijing sicherte Xi Jinping umgerechnet rund 8,6 Mrd. Euro für Infrastrukturprojekte, Energiepartnerschaften und Investitionen in Zukunftstechnologien zu. Dabei geht es um mehr als nur wirtschaftliche Interessen. China will sich in Lateinamerika als Alternative zu westlichen Staaten, insbesondere den USA, positionieren. So warb auch Chinas Zentralbank dafür lateinamerikanische Staatsanleihen in Yuan statt wie bisher US-Dollar auszugeben. Die Region wiederum nutzt das chinesische Interesse, um eigene Spielräume zu erweitern, zwischen Washington und Beijing.

 

Verbot zuhause, Expansion im Ausland: Chinas "Captive Coal Power Plants"

China hat ein landesweites Verbot für neue „captive“ Kohlekraftwerke erlassen. Dies sind Industrieanlagen, die ausschließlich einzelne Fabriken oder Industrieparks mit Strom versorgen. Ab 2025 dürfen solche Projekte im Inland nicht mehr genehmigt werden. Im Ausland allerdings investiert China weiterhin aktiv in diesen Kraftwerkstyp, besonders in Indonesien. Dort entstehen neue „captive coal“-Anlagen zum Beispiel zur Versorgung von Nickelschmelzen, die für die Batterieproduktion zentral sind. Diese Projekte haben schwerwiegende soziale und Umweltauswirkungen, während sie gleichzeitig Indonesiens nationale Klimaziele behindern. Zugleich ist China nach dem Rückzug der USA wichtigster Partner in der indonesischen Energiewende geworden. Das unterstreicht die paradoxe Rolle Beijings: Es unterstützt emissionsintensive Industrie, während es gleichzeitig als zentraler Geldgeber für grüne Infrastruktur auftritt. China will die Beziehungen zu Indonesien weiter vertiefen. Dieser Vorstoß findet in einem größeren wirtschaftlichen Kontext statt: Während Chinas Exporte in die USA im April um 21 % sanken, stiegen sie in Staaten des Verbands Südostasiatischer Nationen wie Indonesien um bis zu 37 %. Der Handelskonflikt mit Washington scheint so eine gezielte Neuausrichtung der chinesischen Außenwirtschaft zu beschleunigen, mit Indonesien als einem der wichtigsten Umschlagpunkte für neu ausgerichtete Lieferketten.

 
Klima
© Rob Loftis, Wikipedia Commons

Zwischen Vorreiterrolle und fossiler Spur: Chinas Klimainvestitionen

China nimmt in der Klimafinanzierung eine widersprüchliche Rolle ein. Während der letzten Klimakonferenz COP29 im November 2024 erklärte der Vizeministerpräsident Ding Xuexiang, dass China seit 2016 etwa 24,4 Mrd. US-Dollar in den Klimaschutz von Partnerländern investiert habe. Die Berechnung der Zahl ist unklar. Offensichtlich werden hier die zahlreichen Investitionen im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative und der South-South-Cooperation zugrunde gelegt. Entscheidend ist das diplomatische Signal, dass Peking zum ersten Mal nicht auf seiner Rolle als Entwicklungsland und der Verantwortung der Industriestaaten beharrte, sondern selbst finanzielle Unterstützung für die Klimaanpassung von Entwicklungsländern aufbringe. Hiermit setzt sich China an eine anvisierte „High Ambition Coalition“ für die COP30. Widersprüche bleiben jedoch: In der Kohleprovinz Shanxi zeigt zum Beispiel eine Umfrage, dass Arbeitende in Kohlekraftwerken weder inhaltlich durch Aufklärung noch durch politische Unterstützung auf eine Energiewende vorbereitet werden. Auch international fließen chinesische Investments weiterhin in die aktive Zerstörung der Umwelt. Ein Beispiel ist die Entwaldung, die laut Global Witness mit 23 Milliarden US-Dollar von chinesischen Banken vorangetrieben wird. Der Verlust von Biodiversität wird zu häufig ignoriert.

 
© DatamarNews

Wie chinesische Exportkreditagenturen die globale Klimafinanzierung beeinflussen können

Exportkreditagenturen (ECAs) sind Akteure der internationalen Klimafinanzierung. Sie entscheiden mit, ob öffentliche Gelder in fossile Großprojekte oder in grüne Infrastruktur fließen, insbesondere im Globalen Süden. China, weltweit größter Finanzierer von Energieinfrastruktur, steht dabei besonders im Fokus. Eine Analyse von Perspectives Climate Research zeigt: Chinas staatliche ECAs haben zwar einzelne Fortschritte gemacht, etwa mit dem Kohle-Ausstiegsversprechen, doch eine umfassende Ausrichtung am Pariser Klimaabkommen fehlt bislang. Fossile Energien dominieren weiterhin. Um ihre Wirkung zugunsten des globalen Klimaschutzes zu nutzen, könnten ECAs gezielt in grüne Technologien investieren, klimafreundliche Finanzinstrumente entwickeln und klimaresiliente Projekte priorisieren. Damit können sie nicht nur Risiken senken, sondern Klimainvestitionen weltweit beschleunigen.

 
Energie

Chinas Energiepolitik im KI-Zeitalter

Chinas momentanes Entwicklungsmodell ist stark auf Fortschritte in Technologien gemünzt. Während dem Land mit seinem Durchbruch mit DeepSeek ein „Sputnik-Moment“ zugesprochen wird, geht dies mit einer großen Nachfrage nach Computing Power einher, die durch energieintensive Datenzentren zur Verfügung gestellt wird. 2024 hat China 25 % des globalen Energieverbrauchs durch Datenzentren ausgemacht, wobei ein starker Anstieg erwartet wird. Der drastische Energiebedarf schlägt sich in Politikrichtlinien zu Kohle- und Atomkraft nieder, die trotz starker Investitionen in erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden. Der Staatsrat genehmigte erst im April den Bau von zehn neuen Atomreaktoren, die in China zu „grünen“ Energien gezählt werden. Zudem veröffentlichten die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), die zentrale Planungsbehörde, und die Nationale Energieagentur (NEA) ein Programm (方案), wonach in Orten mit mangelnder Kapazität bis 2027 Kohlekraftwerke ausgebaut werden können. Das steht im deutlichen Widerspruch zu Chinas Ambitionen des schrittweisen Ausstiegs aus der Kohleenergie zwischen 2026 und 2030.

 
Aus unserer Arbeit


urgewald bei der AIIB Jahrestagung

Urgewald reist zur Jahrestagung der Asiatischen Infrastruktur Investment Bank (AIIB) nach China. In Beijing werden Merete und Nora vor allem zu den Themen Kapitalmarktmobilisierung und Klimaschutz, sowie zur anstehenden Überarbeitung der Unternehmensstrategie (midterm review) und den Energieinvestitionen in Uzbekistan sprechen. Die Bank feiert ihr zehnjähriges Bestehen im Land ihrer Gründung. Dafür haben wir ein recht umfangreiches Briefing „10 Jahre AIIB“ geschrieben, welches vor allem die neue Bundesregierung und die Rolle Deutschlands thematisiert. Es wird demnächst auf unserer Webseite zu finden sein (deutsch/englisch).

 

urgewald Datenbanken GCEL und GOGEL

Unsere Recherchen gehen in eine neue Runde. Die Teams von der GCEL (Global Coal Exit List) und der GOGEL (Global Oil und Gas Exit List) sind aktuell in der Recherchephase, um die beiden umfangreichsten öffentlich zugänglichen Datensätze zur globalen Kohle-, Öl- und Gasindustrie auf den aktuellen Stand zu bringen. Trotz erheblicher Fortschritte bei den erneuerbaren Energien zeichnet sich schon ab, dass auch der Ausbau fossiler Energieträger in China mit großem Tempo weiter geht. Die Veröffentlichung der aktualisierten Datensätze erfolgt im Herbst, voraussichtlich am 21.10.2025 (GCEL) und 04.11.2025 (GOGEL). Die Daten sind hier und hier frei zugänglich.

 

Aktionswoche Zivilgesellschaft

Vom 26.6.-3.7. bis findet die von Südwind e.V. organisierte Aktionswoche „Bedrohte Zivilgesellschaft: Die vielfältigen Dimensionen von Shrinking Spaces“ statt. Urgewald ist dabei - mit zwei Veranstaltungen zu China am 1. und 3. Juli. Mehr Informationen hier.

 
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Tipps am Rande

DW Video: Trumps Zölle - Eine Kriegserklärung an den Welthandel?
Mit Hilfe von hohen Zöllen will US-Präsident Donald Trump die US-Wirtschaft schützen und neue Arbeitsplätze schaffen. Eine riskante Wette auf Kosten des Welthandels? Gäste: Beatrix Keim (Automobilexpertin); Felix Lee (SZ Dossier); Erik Kirschbaum (LA Times); Christoph von Marschall (Tagesspiegel).

Hoover Institution Video: Empire of Illusion - Frank Dikötter on Why China Isn’t a Superpower | Uncommon Knowledge
Frank Dikötter ist Senior Fellow der Hoover Institution. In diesem Gespräch stellt Dikötter das vorherrschende Narrativ über Chinas Aufstieg in Frage. Ausgehend von seinem jüngsten Buch “China After Mao: The Rise of a Superpower“ argumentiert Dikötter, dass die Kommunistische Partei Chinas meisterhaft das Bild einer mächtigen, modernen und wirtschaftlich dominanten Nation projiziert hat - dass dieses Bild jedoch weitgehend eine Fassade ist.

NZZ Akzent Podcast: China - Mit Cartoons gegen Taiwan
China hat in einer Übung die Invasion Taiwans geprobt. Das Ganze wird begleitet von einer aggressiven Propaganda-Offensive. Denn Präsident Xi Jinping hat die Annexion Taiwans zur Chefsache erhoben.

MERICS Podcast: Die US-China-Politik unter Trump 2.0, mit Thomas E. Kellogg
Nach wochenlanger Konfrontation gibt es erste Anzeichen der Verhandlungsbereitschaft im Zollstreit zwischen China und den USA. Im Vorfeld eines Treffens chinesischer und US-Unterhändler in Genf hat MERICS-Kommunikationschefin Claudia Wessling mit Thomas E. Kellogg gesprochen, Direktor des Georgetown Center for Asian Law in Washington. Kellogg spricht über seine Erwartungen an die künftige US-Chinapolitik und die Rolle, die europäische Akteure spielen könnten, um diese auch in schwierigen Zeiten mitzugestalten. Außerdem teilt der Experte für Chinas Justizsystem Einsichten zur aktuellen Situation in Hongkong, wo das Nationale Sicherheitsgesetz immer rigider durchgesetzt wird.